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Interview: Thees und Stefan – „8 Platten, Salzlakritz und die Idee einer langen Radfahrt“

Reifen mit 35mm ohne Stollen, das sollte in den meisten Fällen reichen. Und ein Triathlonaufsatz. Da passt ne Brötchentüte drauf.

Die Transcimbrica, #TRC, HH-SK-HH oder einfach die coole Runde im Norden. Langsam wächst die Gruppe derer, die sich schon auf den Wege zwischen Hamburg – Skagen -Hamburg begeben haben. Ein faszinierendes Ding – aber von wem entsprang die Idee dazu? Thees und Stefan. Die beiden habe ich 2017 kennenlernen dürfen. Den einen in seiner Küche, den anderen am Computer mit Fragen zum radeln löchern können. Was vor und nach der V2 so dabei geredet wurde könnt ihr nun hier lese. Text: Ralph, Thees, Stefan Bilder: Ralph, Thees, Stefan, Michael Krueger (siehe pic-by)

Dänemark-Bäckerei pic-by Michael Krueger

 

KF-Ralph: Wer steht hinter der TRANSCIMBRICA? Stellt euch doch mal kurz vor.

Thees: Ich bin Thees. Eigentlich bin ich ja Segler, da hängt mehr Herz dran. Als Kind bin ich immer in der Kiesgrube „Crossrennen“ gefahren. Dann war sehr lange Radpause. Nach dem Zivi gesellte sich wieder ein Rennrad dazu – ein BIANCHI. Als ich meinen Sohn mal in den Kindergarten gefahren hab stand da auf einmal ein Fixie. Ich stöberte und las viel im Eingangradforum. Ich war völlig „angefixed“ und Singlespeed verliebt. Alle MTB´s im Keller sind nackt – SSP. Ich hab das Rauchen aufgehört und fahre seitdem immer mehr Rad. Und seit der TRANSCIMBRICA habe ich wieder ein Schaltungsrad.
Stefan: Stefan oder DatMuckelchen, Mitte dreißig, Papa und Radfahrer. Meist des Nachts unterwegs und im südlichen Hamburger Speckgürtel.

 

KF-Ralph: Wie seit ihr darauf gekommen die TRANSCIMBRICA ins Leben zu rufen?

Thees: ???? Vorletztes Jahr (2015) Paris-Brest-Paris. „Da fahr ich hin“ – okay nein. Mir gefiel die Strecke einfach unheimlich gut. Ich fand sie sehr interessant. Mit Stefan zusammen kam dann die Frage auf: „Wie weit ist es eigentlich bis Skagen und zurück?“ 1300km – ähnlich wie PBP, so kam eins zum anderen.
Stefan: Angefangen mit vielen Nightrides, haben wir uns gedacht wir machen so eine Tour mal öffentlich. Daraus wurde dann die radkalte Nacht. Die Resonanz war gut, aber nach drei Jahren haben wir eine neue Herausforderung gesucht.
Die Bedingungen waren: Breitreifenrennrad, draußen schlafen, ein langes Wochenende +N Tage. Ein lockeres Telefonat mit Thees: „Skagen hin – warum nicht auch zurück?! Ich plan mal – ey das sind 1300km – ok! Ok machen wir – lass mal so zwei, drei Leuten sagen was wir vorhaben.“
Termin: März oder Oktober (da sind Ferien in SH) – die „Macher“ wollen schließlich auch fahren.
Wir wollten das für uns fahren. Aber auch anderen die Möglichkeit geben uns zu begleiten oder aber ihr eigenes Ding zu fahren mit unserem Streckenvorschlag. Wir haben mit 5 Startern gerechnet (2016). Es waren dann doch 8 Verrückte…

Transcimbrica 2017 Sticker

 

KF-Ralph: Macht ihr die TCB einfach für euch und interessierte Fahrer oder verfolgt ihr langfristig andere Ziele wie z.B. ein Rennen daraus zu machen?

Thees: Fahrrad fahren ist für mich zwar Sport. Aber kein Wettkampf mehr. Ich habe selber schon genug tolle Events genossen. Ich wollte selber mal eins machen, ohne Druck, einfach ne schöne Zeit auf dem Rad verbringen, draußen. Wenn Teilnehmer da ein Rennen draus machen ist das auch schön, aber nicht meine Vorstellung der Tour. Die Strecke ist mir wichtig, aber nicht alles. Man kann schon mal abweichen.
Stefan: Ganz klar für uns und unsere Freunde. Kein Rennen, keine Startgebühr, kein Arschlochsport. Wir wollen damit kein Geld verdienen, kein Rennen nachmachen oder dergleichen. Wer das in 72h schafft kann mitkommen. Wenn sich jemand dafür 14 Tage Zeit nimmt ist er genauso willkommen. Es wird auch keiner gezwungen das im März zu fahren. Wer möchte darf auch im Hochsommer oder zur Weihnachtszeit. Im Hotel übernachten oder im Shelter. Jede/r wie Er/Sie kann und will.

 

KF-Ralph: Was macht für euch den Reiz der Runde aus? Was macht die Strecke so einzigartig?

Thees: Ich bin Dänemarkfan – Ich liebe das Land und die Leute. Die Herzlichkeit. Es gibt kaum Zäune. Dänemark ist einfach ein cooles Land . Man sieht Ost- und Nordsee. Die Abwechslung sieht und spürt man. Sie haben zwei verschiedene Charaktere – rau und kantig steht lieblich und hyggelig (dänisch für gemütlich) gegenüber. Und ich mag Lakritz gerne 🙂
Stefan: Komm zum Start und finde es heraus 😀 Es ist einfach die Streckenlänge und die Jahreszeit, im Selbstversorger-Modus. Draußen schlafen, Rad fahren und eine schöne Zeit zwischen zwei Seen verbringen mit allem was dazu gehört (Wind, Regen, Schnee…).

Arme hoch Thees und Stefan

 

KF-Ralph: Ist die Transcimbrica für „alle“ fahrbar? Für wen ist sie gemacht bzw. was muss/sollte man „mitbringen“ um sie zu fahren?

Thees: Man sollte schon mal draußen geschlafen haben damit man weiß wie das ist. Auch mal bei schlechtem Wetter. Dann wirds auch was. Je nach Dauer der Tagesstrecke und den gefahrenen km ist auch eine Pension okay. Der Gravelanteil reduziert die geschwindigkeit und kostet mehr Kraft. Die Planung (Durschnittsgeschwindigkeit) ist nicht immer umsetzbar wenn der Wind kommt. Damit sollte man umgehen können. Und das Tageslicht ist rar. Fahren bei Dunkelheit sollte kein Neuland sein.
Stefan: Ein bisschen Erfahrung mit Selbstversorgerfahrten, ein vernünftiges Velo und für die eigenen Ansprüche die richtige Ausrüstung. Spaß an der Sache selbst. Sich mit dem Kodex auseinander setzen und verstehen. Der Rest kommt von alleine.

 

KF-Ralph: Welchen Charme hat „Sie“? Beschreibt doch mal die Stimmung während der Fahrt. Wie funktioniert das unter-, mit- und gegeneinander?

Thees: Ein Miteinander – definitiv! Es ist gesellig, auch wenn letztens (2016) meist alle irgendwann allein unterwegs waren. Es hat sich einfach so ergeben. Jeder fuhr halt seinen Rhythmus. Es ist auch eine lange Strecke. Wir haben eine geile Kommunikation untereinander. Per Handy werden Infos getauscht. Wo gibt´s leckres Essen, wo ist ein schöner Shelter, wo ist Regen, Wind, wo gibts WLAN. Bei der TCB V2 die heute (2017) startet sind schon die ersten gemeinsamen Lagerfeuer geplant. Manche haben geplant komplett als Trio zu fahren, ne geile Zeit draußen zu verbringen. Und auf der ganzen Strecke gibt es verteilt immer einen Shelter in der Nähe – das nimmt enorm den Druck man fährt entspannter.
Stefan: Bis jetzt war es immer ein miteinander – so soll es auch bleiben. Die TRANSCIMBRICA ist kein Rennen und wird es auch nicht werden.

Thees 2 pic-by Thees

 

KF-Ralph: Letztes Jahr (2016) hat leider keiner gefinished, dafür wurde sie später mehrfach bewältigt. Woran lag es aus eurer Sicht? (Werden bei der V2 nun offene Rechnungen beglichen?)

Thees: Da kam einiges zusammen. Zum einen wurde das Wetter teils unterschätzt. Das hat uns auch gut erwischt. Mancher hatte zu viele Platten, war mit Sommerschuhen und Zehenwärmern unterwegs oder hatte zu wenig Zeit eingeplant. Wir waren dann auch irgendwann zu nass, haben die Klamotten nicht mehr trocken bekommen. Auch der Wind der einen lange ins Gesicht grinst wurde auf lange Sicht unterschätzt. Einer hat eine Kurbel verloren. Erfahrungswerte.
Stefan: Ich denke das Wetter wurde unterschätzt, genauso wie das flache Dänemark und die Routenwahl. Schotterwege wurden von Anfang an eingeplant und auch so kommuniziert. Es war dann doch der ein oder andere etwas überrascht. Rene´wurde in Skagen vom Schnee überrascht der eigentlich Regen sein sollte. Max hatte Materialschaden. Ich hatte 8! Platten auf 120km Teerstraße – immer Fremdkörper eingefahren. Andere hatten nur vier Tage Zeit und sind deswegen vorher abgedreht. Jeder hat da sein eigenes Abenteuer erlebt und damit seine Rechnung offen für die V2…

 

KF-Ralph: Wie schaut ein typisches Rad bei der TCB aus? Wass muss auf jeden Fall dabei sein?

Thees: Schutzbleche! Wenn der Regen kommt sind sie einfach unbezahlbar. Ein Nabendynamo da es um die Jahreszeit lange dunkel ist. Wer lange fahren möchte, sollte das beachten. Reifen mit 35mm ohne Stollen, das sollte in den meisten Fällen reichen. Und ein Triathlonaufsatz. Da passt ne Brötchentüte drauf.
Stefan: Gravelbike oder Crosser – MTB mit „schmalen“ Reifen. Ein Rad auf dem man sich wohlfühlt und in der Lage ist 1300km zu bewältigen. Flickzeug 😀 Handy/Fotoapparat für die Fotographen unterwegs.

Strecke 1 pic-by Michael Krueger

 

KF-Ralph: Eure 3 Tipps fürs fahren?

Thees: Essen, trinken, scheißen – machen wenn der Gedanke kommt, nicht auf die nächste Gelegenheit warten. Flaschen füllen! Dänische Lakritz essen – Salzlakritz! Und die Dänen freuen sich, wenn man ihnen sagt wie schön ihr Land ist 😉
Stefan: Spaß am Rad fahren. Seine eigenen Fähigkeiten kennen, genauso wie sein Equipment. Das sollte man vorher auch schon mal getestet haben. Auf die unterschiedlichen Probleme (Wetter/Pannen etc.) die auf einen zukommen gelassen reagieren und damit umgehen können.

 

KF-Ralph: Eure 3 Dont´s?

Thees: Nicht auf der Straße fahren wo ein Radweg ist. Die Radwege sind wirklich gut. Wer nicht drauf fährt bekommt das schnell mit. Es gibt keine Zäune, man kann überall hin, sein Zelt aufschlagen – aber da wo ein Zaun ist, da sollte man nicht drüber.
Stefan: Arschlöcher – Mitfahrer und/oder Menschen an der Strecke, die ihren Müll in Sheltern oder der Natur entsorgen. Sich bewusst gegen den Kodex verhalten. Den Spaß an der Tour verlieren.

Strecke 2 pic-by Thees

 

KF-Ralph: Was ist euch von der TCB (V1) am meisten in Erinnerung geblieben?

Thees: Ein tierisch schlechtes Gewissen. Mit Openmap alles penibel als Rennradstrecke geplant – z.B. Nebenstraßen. Ab über die Grenze nach Dänemarkm auf die Nebenstraße eingeborgen – Gravel. Für die V2 wurde die Strecke ein bisschen umgeplant. Weniger Verkehrsstraßen, weniger Autos.
Stefan: Das trotz all dieser unterschiedlicher „Probleme“ alle es nochmal versuchen wollen. Egal ob es am Material, Wetter oder Zeitmangel gelegen hat. Für mich persönlich die 8 Platten auf 120km. Sowas hatte ich noch nie erlebt und brauche es auch nicht wieder.

 

KF-Ralph: Feel free… was wolltet ihr schon immer mal raushauen an die (Rad)Welt da draußen?

Thees: Nehmt euch alle einfach nicht so ernst (Die Radwelt, die ich kenne – nur ein Teil). Seht es weniger verbissen, genießt es mehr! Seid offen für neues und probiert euch aus! Zieht euch mal ne Baggy fürs Rennrad an – solange nix scheuert. Why not?
Stefan: Hört auf in Schubladen zu denken und habt Spaß beim Rad fahren bzw. bei dem was ihr macht! und macht es für Euch – Genießt die Zeiut auf dem Velo…

Ralph: zu guter Letzt noch ein paar Worte von mir. Die Transcimbrica war 2017 die erste „lange“ Bikepackingtour für mich. Bisher war ich nur bis 700km unterwegs. Flach und schnell schien die Strecke aus dem tiefen Süden. Den Wind kannte ich bis dahin noch nicht. Ich hörte das Wort Gravel und Schotter, also kam ich mit dem MTB und dicken Schlappen – never again 😀 Stefan und Thees haben da ne wirklich tolle Runde rausgehauen. 2017 habe ich das Interview geführt, ein paar Stunden vor dem Start mit Thees in dessen Küche. Stefan hab ich dann auf dem Rad kennengelernt und ihm das ein oder andere im Nachgang per mail gefragt. Den richtigen Punkt dieses Interview online zu stellen hatte ich schon lange verpasst. 2018 wollte ich nicht und jetzt, 2019, wo ich selber wieder am Start stehen werde darf es nun sein. Ich hoffe es gefällt euch 😉

Grenen

Thees1 pic-by Thees

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