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„Oh, la Toscana“ – Tuscany Trail 2018

Niemand wollte bei Unwetter hier oben schlafen. Wir schafften es nach einigen gemeinen Rampen am Schluss vom Berg runter und fuhren mittlerweile im Schneckentempo Richtung Ziel. Rolf konnte nicht mehr, wurde immer langsamer und redete kaum noch. Aber jetzt gab es keinen anderen Weg mehr als nach Capalbio! Nach endlos langer Zeit tauchte der Endpunkt unserer Rally nicht nur auf dem Garmin, sondern sogar tatsächlich vor unseren Augen auf!

Nach seinem Interview hier, aber spätestens nach dem beeindruckendem Bericht hier von der Torino-Nice-Rally 2017 sollte euch André bekannt sein. Diesmal nimmt uns der sympathische Kölner mit in die Toscana. Mit einer Hand voll Freunden machte er sich auf den Weg. Ob alles nach Plan lief könnt ihr jetzt selber nachlesen. Und tolle Bilder hat er auch wieder mitgebracht.    Text & Bilder : André Kniepkamp – www.lebeatphotography.de

Tuscany Trail – Break

 

Schuld an allem war ja eigentlich Rolf.

Rolf wollte schon 2017 zum Tuscany Trail, einer Bikepacking-Rally in der Toskana, über 540km mit 9000 Höhenmetern im Selbstversorger-Modus. Dummerweise fiel er aber von der Leiter und somit war der Plan aufs nächste Jahr verschoben.

Die Anmeldung für das Tuscany Trail 2018 rückte näher und mittlerweile hatten sich mit Jochen und Claudi noch einige andere Kölner Radler gefunden, die auch mitkommen wollten. Rolf war einer der ersten, die sich angemeldet hatten und bekam ab dem Zeitpunkt striktes Leiterverbot! Die gemeinsamen Hausrunden und Overnighter wurden auf Schotterstrecken im größeren Kölner Umland verlegt. Material wurde optimiert. Packlisten rumgeschickt. Hier und da noch am Rad gefummelt … Daffy, ein alter Freund aus meinen Zeiten in Bielefeld, wollte auch gern mitkommen. Und so kam es, dass ich mit ihm zusammen ein nettes Wochenende im Teutoburger Wald auf dem Hermannsweg als Training verbracht habe!

Massa

Ende Mai gings los. Auf zwei Autos verteilt fuhren wir in die Toskana nach Massa. Treffpunkt war ein Stadion, in dem gezeltet werden konnte. Man sah die ersten bekannten Gesichter, beguckte die Räder anderen Fahrer/innen und traf sich abends auf eine Pizza, um sich mit letzten Infos zu versorgen. Am nächsten Morgen sollte es losgehen, über 700 Teilnehmer waren angemeldet! Die Spannung stieg, ich zumindest habe nicht lange geschlafen und bin früh aufgestanden … Der Startpunkt war ein Platz in Massa, die Stimmung war super, vom Rennrad mit 3oer Reifen über massenweise Gravelbikes und MTBs bis hin zum Fatbike war  alles vertreten, was der Markt so hergibt. Es waren sogar zwei Paare auf Tandem Fullies dabei! Manche waren im absoluten Minimal-Modus mit so gut wie keinem Gepäck unterwegs, manche sahen aus, als wenn sie eine Arktis-Expedition vor sich hätten. Die meisten Teilnehmer kamen aus Italien, aber es waren auch Leute aus Brasilien, England, Neuseeland, Frankreich und Deutschland dabei.

Gegen 8 gings dann los und es zog sich eine lange Schlange knarrender Freiläufe und bunter Trikots durch die Straßen von Massa ins Umland. Schnell führte uns der Track in hügeliges Gelände, das Feld zog sich auseinander und es fuhr sich nicht mehr ganz so beengt. Es wurde auch flott klar, was das Tuscany Trail ausmacht: kurze, knackige Anstiege (manchmal echt gemeine Dinger) wechselten sich mit Schotterstraßen und teilweise recht technischen Trails ab. Das alles in wunderschöner Landschaft und bei top Wetter! Anstrengend, aber sehr schön. Nach einem langen Tag und einem fantastischen Abendessen sollte ein Garten in einem großen Olivenhain über Vinci unser erstes Nachtlager sein.

Vinci

Am nächsten Morgen gings nach kleinen Morgenmuffeligkeiten (der erste Draußen-Kaffee hat da gut getan) weiter. Zwischen uns und Florenz lag noch ein Anstieg, der auf dem Höhenprofil ziemlich anstrengend aussah. Wir sollten nicht enttäuscht werden … Hier waren die MTBler klar im Vorteil. Ich kam auf den Trails mit den Felsstufen und Rinnen mit meinem schweren Rad teilweise an meine Grenzen. Was schlepp ich auch immer die schwere Kamera mit … Aber gut, hilft ja nix, runter da. Nachdem ich ein paar verrückte Engländer auf bepackten Gravelrädern die Trails hab runterpoltern sehen, dachte ich mir, dass da wohl noch einiges an Luft nach oben ist. Zwar fehlten einen von den Jungs ein paar Vorderzähne, aber ich wurde doch mit jedem Trail mutiger.

Allerdings gab es auf der Strecke nach Florenz einen Unfall. Ein Teilnehmer hatte eine Abkürzung genommen und eine Kette übersehen, die über den Weg gespannt war. Wir haben nur den Krankenwagen gesehen und sind erstmal mit leicht mulmigem Gefühl weiter …

Florenz

Nach recht flacher Strecke kamen wir mittags an. Ja, Florenz ist schön. Aber die Hitze und die handyschwingenden Touristenhorden vertrieben uns schnell wieder. Beweisfoto und weg hier! Schnell noch Jochens Plattfuß repariert, ne Kleinigkeit gegessen und weiter gings. Wieder in die Weinberge, auf Schotter durch den Wald, steile und sehr steile Abfahrten runter und dann unten festgestellt, dass es da oben irgendwo links ging. Klassiker.

Endlose Schotterpisten

Rolf, immer ein wenig langsamer, hatte den Track richtig gelesen und war plötzlich nicht mehr da. Nun ja, warten wir eben, ist ja schön hier in der Kurve. Irgendwann kam eine SMS, wo wir bleiben würden, er hätte schon das erste Bier im nächsten Dorf im Arm.

Ha, er war VOR uns, nicht hinter uns! Wir also auf die Räder und mit zwei fröhlich singenden Hamburgern, die wir unterwegs aufgelesen hatten ins nächste Dorf und die örtliche Trattoria belagert.

Das Essen war fantastisch, das Moretti wie immer gut und da Rolf italienisch spricht, hatte er uns schon mithilfe der üblichen älteren Herrschaften vor der Bar einen Schlafplatz auf dem Sportplatz organisiert!

Die Trattoria wird belagert

Der dritte Tag startete gut, allerdings hatte Jochen Probleme mit seinem Reifen, der ständig Luft verlor. Nachdem er in einer Kurve gestürzt war, machte außerdem die Schaltung Schwierigkeiten. Er beschloss, es langsamer angehen zu lassen und so zogen Daffy, Rolf und ich alleine weiter.  Claudi hatte sich schon vor dem Start entschlossen, lieber in Hotels zu schlafen und wir hatten sie aus den Augen verloren. Trotz Knieschmerzen fuhr Daffy vorneweg.

Langsam aber sicher sind auch die Räder gezeichnet

Rolf war irgendwo hinter mir, so dass ich den dritten Tag die meiste Zeit alleine fuhr, was mir ganz recht war. Ich bin einfach meine Geschwindigkeit gefahren, hab Fotos und Pausen gemacht, wie ich wollte. Zwischendurch trifft man ja immer wieder auf andere Radler. Da waren ein netter Franzose und sein 68-jähriger Vater, die beide sehr entspannt aber fit durch die Landschaft kurbelten. Eine Frau mit ihren selbstgenähten Bikepacking-Taschen, oder die Gruppe Italiener auf ihren rotzigen 90er MTBs, die in der Pause gern ne Flasche Rotwein aus der Tasche zauberten. Die wissen zu leben!

San Gimignano

In San Gimignano traf ich Rolf wieder. Die Hamburger Jungs waren auch da und es gab eine schöne und eigentlich viel zu lange Pause. Aber hey, das hier ist die Toskana. Wir waren ja auch hier, um zu genießen. Und das Essen macht es einem leicht, noch ne halbe Stunde länger zu bleiben und vielleicht doch noch nen Eis zu bestellen.

Weite

Tuscany Trail Romantik

Wir verabredeten uns für den Abend in Monteriggioni, einer Festung mit einer tollen kleinen Altstadt auf einem Hügel und fuhren wieder los. Es ging wieder über Trails durch Wälder und so langsam machte es richtig Spaß, auch wenns ab und zu noch kurze Schiebepassagen gab. Irgendwann kam die Nachricht, die ich nicht hören wollte: Rolf war gestürzt! Zum Glück nicht schlimm, aber wir warteten im nächsten kleinen Ort auf ihn. Irgendwann tauchte er mit Verband und blitzeblankem Rad bei uns auf. Er hatte nette Leute in einem Garten gefunden, die ihm das Bein verbunden und das Rad einfach mal so sauber gespritzt haben.

kleine Gässchen in Pitigliano

Wir schafften es gemeinsam nach Monteriggioni, trafen da Daffy wieder. Beim Abendessen bekamen wir die Nachricht, dass der Radfahrer, der über die Kette gestürzt war, sich das Genick gebrochen hatte und im Krankenhaus gestorben war! Das machte uns nochmal klar, dass das hier schon nicht so ganz harmlos war und wir weiterhin gut aufpassen mussten. Der Abend endete erschöpft in einer kleinen, günstigen Pilgerherberge mit Dusche, absoluter Luxus!

Am vierten Tag gings nach Sienna. Wieder eine Touristenfalle, die ohne Fahrrad bestimmt mal ganz schön wäre, aber wir wollten raus aus dem Gewusel. Die Landschaft wurde sanfter, es ging über die weißen Schotterpisten der l’Eroica durch Weinberge und kleine Dörfchen. Es war heiß, der weiße Staub setze sich überall auf uns und den Rädern fest, aber es fuhr sich sehr angenehm. Eigentlich wollte ich mit Daffy zusammen einfach mal zügig voran kommen, aber seine Knieschmerzen wurden immer schlimmer. Er konnte kaum noch vom Rad steigen … Jochen hatte uns geschrieben, dass er abgebrochen hatte, Claudi ebenfalls. Selbst nach starken Schmerzmitteln und Eisspray aus der Apotheke beschloss auch Daffy sehr schweren Herzens, ab Pienza nicht mehr mitzufahren. Wir verbrachten noch eine Nacht auf dem lokalen Bolzplatz und verabschiedeten uns am nächsten Morgen. Daffy wollte versuchen, einen Flixbus ab Florenz nach Hause zu nehmen. Schade, es war schön, mit einem alten Freund zu radeln …

Gruppenfoto

Übrig blieben Rolf und ich.

Und ich wollte alles dran setzen, dass wir zusammen über die garnicht mehr so ferne Ziellinie fahren! Er hatte so lange auf diese Rally gewartet und schliesslich ein halbes Jahr das Leiterverbot eingehalten! 🙂
Los gings. Auf uns wartet der Radicofani mit einer steilen Anfahrt auf Schotter, die mit einem tollen Blick auf die Landschaft und einem anständigen Espresso belohnt wurde. Robert, ein anderer Fahrer aus München, hatte mir geschrieben, dass ich für die Strecke Luft ablassen sollte, um mehr Traktion zu haben. Danke für den Tipp, wieder was gelernt. Auch wenn ich einen Durchschlag hatte und mit einem schönen Snakebite auf der Abfahrt die erste und einzige Panne der ganzen Rally hatte. Naja, so konnte ich bei schöner Aussicht einen neuen Schlauch aufziehen, das passiert einem auch nicht alle Tage.

Pannenhilfe mit Aussicht

Den Rest des Tages sollte uns der Track über Teerstraßen und tolle Serpentinen in Felsschluchten zu der wunderschönen Stadt Pitigliano führen. Hier wollten wir uns stärken. Ich habe viele Fotos gemacht, wir sind durch die Gassen geschlendert und haben uns ein sehr nettes kleines B&B gegönnt. Schliesslich wollten wir am nächsten Tag möglichst weit, wenn nicht sogar ins Ziel kommen. Es warteten 120km bis Capalbio auf uns. Dummerweise war da aber noch der Monte Argentario dazwischen, vor dem uns alle gewarnt hatten. Steile, böse Schotterpassagen, kein Wasser und Essen, wenn man einmal unterwegs ist …

Pitigliano

 

Unser Plan war eigentlich, eine letzte Nacht im Freien oben auf dem Berg zu verbringen und morgens ganz früh ins Ziel zu rollen. Aber alle Mitfahrer, die wir unterwegs trafen, wollten möglichst schnell ins Ziel. Es kündige sich ein Unwetter an. Mit gemischten Gefühlen starteten wir und wollten einfach schauen, wie weit wir kommen.

Interessanterweise empfand ich den Monte Argentario garnicht als schlimm. Im Gegenteil, ich habe die Trails genossen und bin sehr gut klargekommen. Die dunklen Wolken verhießen allerdings nichts Gutes und so beeilten wir uns, noch vor dem Gewitter ins Ziel zu kommen. Niemand wollte bei Unwetter hier oben schlafen. Wir schafften es nach einigen gemeinen Rampen am Schluss vom Berg runter und fuhren mittlerweile im Schneckentempo Richtung Ziel. Rolf konnte nicht mehr, wurde immer langsamer und redete kaum noch. Aber jetzt gab es keinen anderen Weg mehr als nach Capalbio! Nach endlos langer Zeit tauchte der Endpunkt unserer Rally nicht nur auf dem Garmin, sondern sogar tatsächlich vor unseren Augen auf!
Rolf und ich fuhren im Dunkeln gemeinsam unter Jubel der anderen Teilnehmer über die Ziellinie und fielen uns erschöpft in die Arme! Endlich! Geschafft! Eine tolle Belohnung für so viel Arbeit.

Rolf, deine leuchtenden Augen werde ich nicht mehr vergessen, so viel Glück, Stolz und Erleichterung habe ich lange nicht gesehen! Von wegen, du schaffst das nicht …

Geschafft…

Prompt nach unserer Ankunft legte das Gewitter los. Wir saßen aber im Trockenen und nach einer Menge Bier, vielen Gesprächen, Schulterklopfen, stolzen SMS und Posts in den sozialen Netzwerken schaltete ich mein Garmin und den GPS-Tracker ein letztes Mal aus. Wir schliefen erschöpft in der bereitgestellten Turnhalle ein.

Arrivo – Capalbio

Am nächsten Morgen ging es mit vielen anderen Radfahrer/innen mit dem Zug zurück nach Massa, wir sammelten Jochen wieder ein und machten uns auf den Heimweg.

Mittlerweile bin ich schon wieder ein paar Tage zu Hause, angekommen im Alltag, aber immer wieder schweife ich ab, sehe die Wiesen voller Mohnblumen vor mir. Oder ich rieche die wilde Minze. Fahre noch einmal ein paar der Trails ab sehe die Weite der Landschaft vor mir oder erinnere mich an die vielen Insekten und Schmetterlinge, die in der Toskana herumfliegen … Natürlich ist in Italien nicht alles nur gut, aber wir durften einen besonders schönen Teil kennenlernen.

Und Rolf?

Rolf

Der plant grade ein Sabbatjahr mit seiner Freundin und wird mit ihr ein Jahr um die Welt ziehen.
Übrigens: Rolf ist 64.

Und ich bin verdammt stolz, dass du den Tuscany Trail mitgefahren bist und dass ich Teil davon war!

Gravelroads

Monte Argentario

Beeindruckend

 

Nachtlager Pienza

Coffee

 

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